SXSWi Panel I: Everything You Know About Web Design Is Wrong

Verkleidetes Print-Design

Dieses Urteil fällte Dan Willis zur Einführung über diverse gezeigte Website-Screens, darunter der einer (?) Harry-Potter-Website. Jeweils vorbereitet durch treffende, mitunter spitze Diagnosen, ehe er daraus folgend konstatierte:

Das Web ist noch kein eigenständiges Medium geworden. Als Beispiel dient die Filmindustrie, deren Entwicklung sich auch über Jahrzehnte teils schleppend hinzog, bis jemand durchaus vorhandene Bausteine so zusammensetzte, dass “Eins plus Eins Drei ergab”.

Grammatik des transzendenten Web Design

Transzendent?

Spätestens seit Andy Clarkes Buch “Transcending CSS” schwebt der Begriff herum (und ist in der deutschen Ausgabe nicht übersetzt), aber was genau ist damit gemeint?

Am meisten anfangen konnte ich hiermit:

“überschreitend, das menschliche Bewusstsein übersteigend, übersinnlich; mit “transzendieren” wird heute meistens nur das Überschreiten eines Gebietes, einer Frage oder eines Problems gemeint.”

Quelle: socioweb.de

Kurz: Überwinden bestehender Begrenzungen, Erschließen neuer Sinn-Räume. Einwände?

  • Zufalls-/Gelegenheitsvoyeurismus (Random voyeurism)

    Twitter, Flickr, GoogleMaps etc., die Neugier treibt alle an, alle sind Voyeure. Das Betrachten von persönlichen Fundstücken liefert gleichsam eine Abkürzung direkt zu Wesen und Herzen der ‘beobachteten’ Menschen.

  • Selbsterkennende (aber schließlich unkontrollierbare) Inhalte (Self aware [but ultimately uncontrollable] content)

    Web-Inhalte werden fortwährend “smarter”. Semantisches Markup, XML, Microformats, neue APIs sorgen für eine immer bessere Verschlagwortung, Verteilung und Neuanordnung ursprünglich womöglich ganz anders bereitgestellter Inhalte.
    Es findet eine Verschiebung der Machtverhältnisse statt: Vom Autor zum Leser, von der anerkannten Autorität zur Popularität.
    Beispiele: Flickrvision, Twittervision
    Diese Beispiele decken natürlich auch obigen Voyeurismus in Teilen ab.

  • Nutzerbestimmter Kontext (User-created Context)

    Lange Zeit ging man davon aus, dass das “Surfen” im Netz das Nutzerverhalten wesentlich bestimmen würde. Inzwischen ist klar, dass die meisten Nutzer die meiste Zeit online gehen, um spezifische, individuelle Ziele zu verfolgen. Entsprechend schafft jeder Nutzer seinen eigenen Kontext. Wenn versucht wird, diesen Kontext zu kontrollieren oder gar zu manipulieren, neigt der Nutzer zu Widerstand.

  • Umgebungs-Gewahrheit (Ambient Awareness)

    Dazu dient als Beispiel ein pointilistisches Gemälde: die Punkte für sich sagen nichts aus, erst aus ihrer Vielzahl ergibt sich ein Sinn. Aus der Vielzahl solcher Informationssplitter kann der Nutzer sich ein durchaus zutreffendes Bild machen. Entsprechende Stichworte Microblogging, natürlich zuallererst Twitter.

  • Erfahrbare Inhalte (Experiental Content)

    Das Erfahren ist Inhalt. Nicht nur die vorhandenen Informationen in Form von Text, Bildern, Audio etc. bilden den Inhalt, sondern auch das Erfahren der selben! Als Beispiel nennt er eine Achterbahn, deren Erfahrung sich vor allem aus dem Durchfahren der Bahn speist und nicht aus den einzelnen Bestandteilen.

Gestaltung (Design!) löst Probleme!

Transzendentes Web Design verlangt eine große Spanne an Kenntnissen und Fähigkeiten. Auch deshalb war und ist eine professionelle Spezialisierung oft notwendig. Darüberhinaus sind solche beruflichen Definitionen (= Abgrenzungen) den in der Industrie Arbeitenden bei der Selbst- und damit Wertfindung behilflich.

Es ist allerdings unabdingbar, einen funktionierenden Mix zwischen den beteiligten Disziplinen zu finden. Als Beispiel führt er ein TV-Dinner mit in separaten Böxchen abgeteilten Bestandteilen (nicht tauglich) an und dessen Gegenpol, ein Jambalaya. Die Zutaten, aus denen es besteht, und deren Anteile lassen sich im Vorfeld zwar bestimmen, im Endprodukt aber nicht mehr. Die “experience” zählt!

Von der Dienstleistungs- zur Erfahrungswirtschaft

Selbstverständlich geht es weiterhin um Dienstleistungen, aber deren Einbettung in ein erfahrbares Erlebnis (zum Guten!) wird immer wichtiger werden. Willis sieht harte Zeiten für die heraufziehen, die diese Erweiterung nicht mitvollziehen:
Evolution is Extinction“, wer jetzt noch zurechtkommt, wird es bald nicht mehr tun, wenn “1+1 =3″ Realität wird.

Zu guter Letzt: Tipps für Transzendentes Web Design

  • Stelle fachübergreifende Teams zusammen (Jambalaya-Zutaten!). Nutze und schütze Fachwissen.
  • Gestalte für bestimmte Nutzer und ihre spezifischen Bedürfnisse.
  • Nimm deine Unkenntnis an. Keiner weiß die Antwort!
  • Lass dich nicht von Geschäftsmodellen ablenken, die mit dem Nutzer weder anfangen noch aufhören.
  • Lass dich nicht durch Technologie ablenken, es gibt keinen Zauberknopf.
  • Lass dich nicht von Fehlern ablenken. Wäre es einfach, wäre es schon da.
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Mein Fazit: Eine Herausforderung, die vor uns liegt

Dan Willis gelang es gleich am Anfang, uns “Web-Workern” — welcher Berufsbezeichnung wir uns auch bedienen — sowohl das Verhaftetsein im Alten als auch das Ausmaß des noch zu Meisternden in unserer Arbeit drastisch zu verdeutlichen.

Der Bereich des sinnlichen Erfahrens einer Website und der daraus wie gewonnenen Informationen ist für mich bisher eher ein Nebenschauplatz gewesen. Das wird sich ändern; laut Willis ja sowieso zwingend.

Das bislang “schmückende Beiwerk” rückt deutlich mehr in den Mittelpunkt informationsgestaltender Überlegungen. Entsprechend spannend finde ich die “Grammatik des übergreifenden Design”. Hier habe ich besonders den Eindruck, dass Willis (mit) dabei ist, eine neue Terminologie zu entwickeln, auszubauen und zu etablieren.

Einiger dieser Eckpunkte vermittelten sich mir sofort, bei anderen ist weiteres Durchdenken angesagt, generell sind größere Schnittmengen vorhanden. Aber das ist eben selbst schon Teil des “Jambalaya-Prinzips”, denke ich. So wie diese Komponenten im einzelnen nicht aus dem Ergebnis herauszulösen sind, so sollen auch die jüngst erst gefundenen ‘Gewerke’ (wieder mehr) “ineinander aufgehen” — das halte ich allerdings für (noch) sehr schwer durchführbar.

In der breiten gesellschaftlichen Akzeptanz noch nicht so recht anerkannte Berufsprofile, das häufige Einwerbenmüssen des Wertes der eigenen Arbeit selbst innerhalb von Internet-Full-Service-Agenturen werden einen transzendenten (!) Ansatz nicht erleichtern. Zumindest in Deutschland.

Vielleicht sind (einmal mehr) kleine, flexible und lernfähige Einheiten dabei im Vorteil? Es kann für jede Teildisziplin nur lohnend sein, sich mit den oben angerissenen Fragestellungen zu beschäftigen. Ich habe das auf jeden Fall vor und bin vor allem auf das Sammeln erster Erfahrungen gespannt.

Dieser Vortrag führte geradewegs in das Kerngebiet bestehender und kommender Auseinandersetzung mit der Fortentwicklung des Webdesigns. Genau hier “tobt die Schlacht”!

(gelesen: 702 mal, heute: 2 mal, zuletzt: 10. März 2010)

Stichpunkte zu diesem Artikel: Ξ Ξ Ξ Ξ Ξ

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